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Hannoversche Allgemeine
Montag, 27. September 2004 Der
nackte Wahnsinn
Grimm´s Märchen auf der Psycho- – Couch:
„ Eisenhans „ in der Eisfabrik in Hannover
Von Kerstin Hergt
Abgehackte Zehen, aufgefressene Großmütter, Kinder,
die im Ofen braten sollen – die Märchenwelt ist
bekanntlich grausam, voller Verbrechen und sexueller Abgründe.
Sie liefert nicht selten den Stoff, aus dem Alpträume
sind, dient als Vorlage für Horrorfilme und Psychodramen.
Auf letzteres hat sich Gustav Rottmann spezialisiert. Der
Psychotherapeut und Stückeschreiber hatte mit dem Rockmusical
"Rotkäppchen und der Wolf" bereits das Wesen
des Weiblichen analysierend in Szene gesetzt. Jetzt interpretiert
er mit seiner Theatergruppe "Wilde Reiter" unter
der Regie von Commedia-Futura-Chef Wolfgang A. Piontek Grimms
"Eisenhans" in der hannoverschen Eisfabrik als Suche
nach der wahren Natur des Männlichen.
Rottmann selbst spielt den wilden Mann, der im Wald eines
mächtigen Königs sein Unwesen treibt, dann von einem
listigen Jäger gefangen genommen wird und in einem Käfig
im Schlosshof landet, wo die Geschichte um die Entwicklung
des jungen Prinzen zum reifen Mann seinen Ausgang nimmt. Worte
fallen wenig, dafür wird mit Symbolik nicht gespart:
Die Königin thront als mächtige Übermutter
in einem Reifrock im Heißluftballon – Format auf
der Bühne, der schwächliche König parliert
mit einer Kasperpuppe, den Mann als Macho verkörpert
ein halbnackter Fettwanst mit Elvistolle in Aktion mit einer
Gummipuppe. Und der Eisenhans gibt stöhnend und lechzend
das Tier im Manne. Dabei erinnert Rottmann ein bißchen
an Tom Waits als irrer Renfield in Bram Stoker´s Dracula.
Ohnehin könnte der Film Vorbild für die ein oder
andere ekstatische Pose gewesen sein.
Es geht wild und manchmal horrormäßig zu auf der
Bühne, deren Kulisse einzig aus surrealen Videobildern
(Volker Schreiner) besteht. Das 25 – köpfige Ensemble
aus professionellen Schauspielern und Laiendarstellerngönnt
sich und dem Publikum keine Pause. Der rote Faden geht bei
dem rasanten Spiel leider allzu oft verloren. Und die Szenen
mit ganz oder halbnackten Körpern sind so sehr um Provokation
bemüht, dass es fast wieder langweilig ist. Die Märchenstunde
dauert 75 Minuten. Verzaubernd ist sie nicht, überraschend
zuweilen schon.
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