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Neue Presse
Montag, 27. September 2004
Eisenhans tanzt in der Eisfabrik
Die Wilden Reiter feierten in der Eisfabrik mit einem wilden
Theater-Traum Premiere
VON EVELYN BEYER
HANNOVER. "Es war einmal ein König...": Schön,
als Erwachsener ein Märchen vorgelesen zu bekommen. Zumal
in der Eisfabrik malerisch projiziert Bäume wogen und der
"Eisenhans" zu den kaum strapazierten Grimm-Geschichten
gehört.
Darin verschlingt der Wilde Mann im Wald die Jäger, bis
der König ihn in den Käfig sperren lässt. Dass
der Prinz da seinen Ball reinrollt, die Königin die Schlüssel
unterm Kopfkissen verbirgt: Das sind für uns Nach-Freudianer
wahrlich Schlüsselszenen. So legt die Gruppe "Wilde
Reiter" einen wilden Ritt durchs Unterbewusstsein hin,
kraftvoll, chaotisch und doch bedeutsam wie Träume nach
einem guten Rausch.
Zu Zirkusmusik laufen die Darsteller ein. Der Wilde Mann, dreckstarrend,
( fast ) nackt, schleift eine Frau herein, später vollführt
er orgiastische Tänze inmitten zuckender Leiber. Der König
tritt als Boxer an, der seinem Sohn schlagen zeigt, dass er
noch der Kerl im Haus ist, doch bei der Königin im Riesenrock
hat ihm der niedliche Bengel längst den Rang abgelaufen.
Beischlaf mit der Mutter, Muttermord: Doch wann ist der Mann
ein Mann ? Als Chauvi, Softie, Dieter Bohlen ? So fragen ratlos
Jäger, Prinz und Eisenhans.
Dazwischen lassen Fetzen der Wirklichkeit grüssen, zu US-Präsidentenworten
übergiessen schwarze Cowboys eine wogende Meute mit rotem
Konfetti aus Ölkanistern. Assoziativ reihen sich die Bilder
und geben doch, wie das Märchen, eine Geschichte vom Mann
- Werden wider.
25 unterschiedlichste Darsteller zählen zu den "Wilden
Reitern", aber sie spielen unter Wolfgang Pionteks Regie
wie aus einem Guss. Von der Prinzessin mit Vampirzähnen
im roten Mund, bis zu den Jägernin orangenen Jägermeister-Shirts
gelingen Bilder, die zwischen archetypischen und ironisch banal
balancieren.
Geradezu ergreifend ist, wenn ein abgetakelter Elvis-Verschnitt
- aus der späten, fetten Zeit -, zu einem wunderbar live
gesungenen " Love me tender " mit einer Sexpuppe tanzt
und sich unbeholfen an ihr verlustiert. Wie der mit hängender
Unterhose abzieht, spricht Bände: Mann hats nicht leicht,
heutzutage.
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