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die Tageszeitung
Sonnabend / Sonntag 02. / 03. Oktober 2004
Bitte entblößen
Kunst statt Couch: Hannovers „ Wilde Reiter „ holen
Psychodrama ins Theater.
Von Annedore Beelte
Die Angst ist zum Bild gefroren: hohnlachende und flügelschlagende
Gestalten umringen das blondgelockte Muttersöhnchen, jagen
es zu einer „Reise nach Jerusalem" über die
Bühne. Auf den Stühlen finden sich Paare zu allerlei
geschlechtlichen Akten zusammen. Übrig bleibt der goldige
Depp.
Ein Mann zu werden, war noch nie leicht. Davon erzählten
schon die Brüder Grimm. Sie lieferten Hannovers Theatertruppe
„Wilde Reiter" die Vorlage für das Stück
„ Eisenhans „ , das in der „ Eisfabrik „
Premiere feierte. In der Märchenvorlage wird ein „wilder
Mann" - archetypischer Gegenpol zu Zivilisation und Schicklichkeit
– am Hofe des Königs gefangen gehalten. Der Königssohn
befreit den Wilden, ohne zu ahnen, dass das haarige Wesen in
befreien wird. Nur mit seiner Hilfe kann der tumbe Knabe eine
Prinzessin erobern. Sodann kehrt er, erwachsen geworden, an
den Hof der Eltern zurück.
Wie wachsen Jungen in einer „vaterlosen Gesellschaft"
auf? Und was für ein Männerbild hat diese Gesellschaft?
Den „Wilden Reitern" diene die Bühne dazu, dass
jeder Beteiligte seine Wahrheit zu solchen Fragen erkunden könne,
erklärt Gustav Rottmann, Psychotherapeut, Auto und Hauptdarsteller
des selbst verfassten Stücks. Das Ensemble beruft sich
auf das Psychodrama: eine Methode der pädagogischen und
sozialen Therapiearbeit, bei der Situationen aus dem Leben oder
der Vorstellungswelt des Patienten / Teilnehmers – im
Wortsinn – in Szene gesetzt werden. Vor sechs Jahren verwandelte
sich eine solche Therapiegruppe in eine Theatergruppe, als sie
erfuhr, dass ihr Therapeut ein Rockmusical geschrieben hatte.
„Das wollen wir spielen" entschied man sich.Drei
Jahre lang wurde „Eisenhans" geprobt. Erstes Ziel:
spontane Ausdrücke für eine Aufführung auf der
Bühne wiederholbar zu machen. Entstanden sind berauschende,
soghafte, oft wortlose Bilder. Wie sich etwa die Frauen um Eisenhans
versammeln und dabei an ihren eigenen Körpern erfreuen.
Und wie düstere Cowboys die freizügige Idylle mit
Hilfe von Benzinkanistern in ein Inferno aus dröhnendem
Rock verwandeln, dazu werden rotes Konfetti und einströmender
Brandgeruch serviert. Rottmann Rezept: „Rockmusik und
Körpereinsatz" .Die Truppe will jedem Mitglied Raum
geben, mit eigenen Verhaltensmustern zu experimentieren. Eine
Schauspielerin etwa, deren Selbstbild im richtigen Leben um
ihre Körpermaße kreist, tritt vor das Publikum mit
dem Ansinnen: „Darf ich mich vor Ihnen entblößen?"
Andere bauen Bezüge zu Traumata in ihre Rollen ein –
wie etwa sexuellen Missbrauch. „Die Bühne ist auch
ein schützender Raum" , sagt Gustav Rottmann. „Auf
den, der draußen tut, was auf der Bühne akzeptiert
wird, wartet die Klapsmühle.“ Den Szenenbildern merkt
man ihre psychoanalytische Herkunft an: Freud hätte es
sicher gefreut, einen lehrbuchmäßigen hysterischen
Anfall auf der Bühne zu sehen. Von einer phallischen Rose
bedroht, wirft sich ein Mädchen auf den Boden, wölbt
den Rücken hoch, schlackert mit dem Unterleib. Ob das zur
Klärung moderner Geschlechterbilder beiträgt? Wozu
hilft eine hundert Jahre alte Theorie, überall öpidale
und sonstige erotische Verklemmungen zu wittern? Gruselig, amüsant
und berührend aber ist es allemal.
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